
Jon Lord in Budapest: Meisterstücke in Hülle und Fülle
September 22, 2010Jon Lord hat ein neues Level erreicht mít seinen Bemühungen, moderne rhythmische Musik mit der orchestralen Welt zu verschmelzen. Dies wurde augenscheinlich Samstag Nacht in Budapests Béla Bartók National Concert Hall. Die Musikgötter lächelten herab auf ein beinahe ausverkauftes ungarisches Publikum als es Zeuge der Weltpremiere von Jon Lords überarbeiteter Sarabande Suite, in voller Länge aufgeführt, wurde.
Und ziemlich passend ist es außerdem, dass Lord dieses exakte Werk hier aufführen sollte, inspiriert wie es großteils von traditioneller Musik aus diesem Teil der Welt ist. Mit ihm auf der Bühne war die einheimische Deep Purple Tribute Band Cry Free und das Györ Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Márton Rácz. Mit Kasia Laska als Jon Lords Hauptstütze als Sängerin und Attila Scholtz als Ersatz für Steve Balsamo als männliche Stimme, war es eine sehr starke Besetzung.
Lassen Sie uns also zurück gehen und diese magische Nacht noch einmal erleben.
Während des Soundchecks arbeitet Jon Lord daran, die Soundlevel zwischen der Band und dem Orchester richtig hinzubekommen. Er lässt Orchester und Band Pictures Of Home durchlaufen und wandert hinaus um den Sound vom Standpunkt des Publikums aus zu hören.
Sarabande umfasst die erste Hälfte des Abends, und ist die Hauptattraktion eines Konzerts das sich sowohl siegreich als auch glorreich in all seiner musikalischen Pracht erweist. Das Orchester liefert eine enthusiastische Darbietung ab, stark und kompetent.
Es werden uns auch ein paar ordentliche Überraschungen in dieser Zeit gegönnt.
Das Sarabande Album war immer eine Krone in Jons Katalog, und mit seinem 2010 neu überarbeiteten Arrangement hat Jon schließlich das Werk vollständig fertiggestellt, das er in einem Strandhaus in Kalifornien 1974 begonnen hatte. Und was für eine Freude ist es, es zu sehen.
Concerto for Group and Orchestra war Lords erster Versuch, auf die Trennung zwischen zwei bis dahin separaten musikalischen Welten von moderner und klassischer Musik zu verzichten. Er war darin sehr erfolgreich – und er machte weiter mit den Alben Gemini Suite und Windows.
1975 schien Sarabande wie die Konklusion dieses Unterfangens. Sogar sie war nicht ganz so wie Jon Lord sie geplant hatte. Zeitbeschränkungen bedeuteten dass er nicht alle Stücke der Suite vollständig orchestriert hatte, und er nahm einige nur mit dem Orchester und andere nur mit den Keyboards auf. Ein Zurückkommen 2010 nahm sich all dieser Dinge an, und all die Änderungen haben dem Stück gut getan und machten es sogar noch großartiger und mehr eloquent – und mehr unterhaltsam.
Eine Feier der Freude, übersprudelnd mit ansteckenden Grooves und eingängigen Melodien, unterstreicht Sarabande 2010 Jon Lords meisterliches Geschick darin, alle Teile des Orchesters zu verwenden.
Mit Fantasia als Eröffnung wird man zu einem anderen Platz hinaustransportiert, da diese Musik wahrhaft zum ersten Mal auf der Bühne zum Leben erweckt wird. Sarabande von Anfang bis zum Ende zu hören war ein Traum seit Jahren, und jetzt bietet die 2010 neu arrangierte Version Freude, Begeisterung und sogar Unglauben darüber, was die Musiker da abliefern.
Sarabande, das ‘Titelstück’ selber, ist pure Vortrefflichkeit, ebenso wie Aria, jetzt zum ersten Mal orchestriert gehört.
Mit nur einem unbedeutenden Patzer in der Eröffnung zu Gigue (‘Ich sah hinunter auf meine Hände und dachte ‘was macht ihr da’ und sie sahen zurück herauf zu mir und fragten das Gleiche,’ erzählt Lord nach dem Konzert), ist die Musikalität und Virtuosität, die heute Nacht zur Schau gestellt werden, beeindruckend. Cry Free sind nicht nur eine clevere DP Tribute Band, die all die Klassiker beherrschen, sie sind hoch talentierte Musiker und dazu fähig, mit vielen Arten der Musik umzugehen.
Schlagzeuger Tamás Tatai liefert ein erquickendes Schlagzeugsolo ab, das unterhaltend, vielfältig und einfallsreich ist, da es Sänger Attila Scholtz an gewandten Perkussivinstrumenten in einem Trommelduett einschließt. Tatsächlich füllt Scholtz die Rolle des Perkussionisten aus, wenn er nicht am Mikrofon beschäftigt ist.
Das neue Arrangement der Pavane integriert die Elemente von Orchester und Band vom Originalalbum in einer viel zusammenhängenderen Form, die sich zu einer dramatischen jazzigen Sensation entwickelt. Cry Frees Gitarrist Olivér Lee baut eine perfekte Wiedergabe von Andy Summers originalen Akustikgitarrenparts ein. Es bietet einen Moment Atempause inSarabandes ansonsten sehr intensiven und dramageladener Erzählung.
Caprice ist ein weiteres komplett neues Arrangement, das nun das gesamte Orchester einbezieht. Es ist kurz und hektisch und führt direkt in das Finale. Dafür hat Jon Lord etwas ziemlich Geniales und direkt an der Grenze des Vorstellbaren erfunden. Die originale Albumversion verließ sich auf Bänderschleifen und Studiotricks um die ‘Parade der Themen’ zu kreieren, die aus und ein weht. Im neuen Konzertarrangement halten Jon und die Band einen konstanten Beat, während das Orchester sich ein- und ausblendet und die unterschiedlichen Themen präsentiert.
Dieser schizophrene Vortrag macht das Zuhören überaus unterhaltsam, da das Orchester die verschiedenen Themen in ihren ursprünglichen Tempi und Gefühlen darbietet – und den Zuhörer verwirrt in seinen Versuchen, damit Schritt zu halten, zurück lässt. Man muss das hören um es zu glauben.
Es fehlt lediglich die Gavotte – ein noch immer unvollendetes Segment aus der Sarabande Suite – doch das Stück von 1975 zeigt sich selbst in all seiner rhythmischen und melodischen Großartigkeit. Groovy, explosiv, ruhig, swingend, stürmisch, rockig – Sarabande ist hundertprozentig musikalisches Entertainment von Anfang bis Ende.
Und all das ist erst die erste Hälfte des Konzertes. Sie hinterlässt einen emotional und physisch gefordert. Jon Lord selber ist wahrscheinlich mehr berührt als die Meisten. Während der Pause geht er im Umkleideraum hin und her, platzend von Adrenalin und Freude über eine grandiose Konzertpremiere der kompletten Sarabande Suite.
In der zweiten Hälfte scheinen Pictures of Home, The Sun Will Shine Again, Telemann Experiment, Wait A While, Soldier of Fortune und Child In Time alle mit ihrem üblichen Geschmack.
Für das Telemann Experiment positioniert sich der Perkussionist des Orchesters mitsamt seinem Tamburin direkt neben dem Schlagzeuger von Cry Free, und stellt sicher dass die beiden während einer glühend frischen und sprudelnden Wiedergabe dieses Neoklassikers von Jon Lords Beyond the Notes Album in perfekter Übereinstimmung sind.
Neu im Programm sind ein paar Deep Purple Songs. Der Erste ist Lazy, nur mit der Band – ‘Ich kämpfte ein paar Tage um herauszufinden, wie ich das Orchester da hineinbekommen könnte, aber ich konnte es nicht,’ merkt Lord an. Es ist eine glühende Version und sie gibt Lord eine Chance, in eloquentem Hammondstil loszulegen – zur unverholenen Freude von einigen Teilen des Publikums. Cry Free ergreifen ebenfalls die Gelegenheit sich auszustrecken, mit Attila Scholtz der eine tolle Darbietung auf der Mundharmonika einbaut.
Wenn Sarabande die hochklassige musikalische Attraktion des Abends und Tour-de-Force bot, kommt Perfect Strangers knapp dahinter was beeindruckende musikalische Größe angeht. Präsentiert in einem brandneuen definitiven Arrangement, das mit einem Intro in Zigeunerstil vom Orchester beginnt und den Zuhörer dann auf eine bruchstückhafte Reise mitnimmt, führt es schlussendlich in ein superbes Stück majestätischen orchestralen Rocks und konkurriert mit allen vorher gehörten Versionen dieses Klassikers, einschließlich Deep Purples exzellenter Darbietungen von 1993 und 1999 mit und ohne Orchester. Keine kleine Leistung.
Wait a While ist über Verlust und den Umgang damit, und wieder einmal lebt sich Kasia Laska in die Traurigkeit des Liedes ein. Aber ihr echter Moment von Brillanz kommt mit Pictured Within. Normalerweise von Steve Balsamo gesungen, der aus dem Konzert aussteigen musste, hat Kasia Laska übernommen. Während des Soundchecks fühlt sie sich unsicher über den Song – sogar obwohl sie eine wunderschöne Version abliefert – aber beim Konzert erscheint ein kleines Bisschen Magie.
Kasia geht an den Song unglaublich zart und zurückhaltend heran, ergreift den Moment und bezieht noch nie zuvor gehörte Emotionen aus einem Song der zuvor schon großartig von so versierten Sängern wie Miller Anderson, Ian Gillan und Steve Balsamo aufgeführt worden ist. Die Wirkung eines Songs kann an seiner Fähigkeit gemessen werden, Emotionen auszulösen, und Kasia Laskas sanft geäußertes Pictured Within trifft einen Nerv und treibt eine Träne ins Auge. Atemberaubend.
Einige Male während des Abends ergreift Lord die Gelegenheit aufzustehen und sich sowohl musikalisch als auch physisch an der Hammondorgel auszustrecken. Dies wird mit spontanen Freudenrufen aus dem Publikum begrüßt, das im Gegenzug langen und begeisterten Applaus für Sarabande, Perfect Strangers und im Speziellen Child In Time spendet.
Als das Konzert in der musikalischen Explosion endet, die Child In Time ist – Cry Free brillieren wieder mit einem Purple Klassiker – springt das Publikum auf die Füße mit einer dröhnenden Feier der musikalischen Darbietung des Abends, die mit Leichtigkeit unter den Besten ist, an denen Jon Lord jemals teilgenommen hat – ohne Ausnahme.
Für den Rest von 2010 wird Jon Lord zwischen Sarabande und dem Concerto for Group and Orchestra als der ersten Hälfte des Konzertes abwechseln, gefolgt von einer zweiten Hälfte mit Solo- und Deep Purple-Stücken. Sehen Sie die Konzertseite.
Sarabande Suite:
- Fantasia
- Sarabande
- Aria
- Gigue
- Bourrée
- Pavane
- Caprice
- Finale
Pictures of Home
The Sun Will Shine Again
Telemann Experiment
Wait a While
Lazy
Pictured Within
Perfect Strangers
Soldier of Fortune
Child in Time
Review & (Soundcheck) Photos: Rasmus Heide


